Nicht mehr als ein Ladenhüter?

0
1324

Es gibt Unterstützung und kaum einer will sie. Ursula von der Leyen hat es in diesen Tagen nicht leicht. Mit dem Bildungspaket will die Arbeitsministerin 2,5 Millionen Kindern aus armen Familien den Zugang „zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe erleichtern“. Doch das Prestigeprojekt hat einen Haken: Deutschlandweit wurde es bisher kaum abgerufen. Ob das Paket im Landkreis Gotha besser angenommen wird? Oscar-Redakteur David Ortmann hat sich umgehört.

„Einige haben es bitter nötig“, weiß Falk Herrmann, Schulleiter der Friedrich Holbein Grundschule in Waltershausen. Nachhilfeunterricht würde vor allem in Mathe einigen Kindern helfen. Doch viele Eltern können sich die Extrastunden einfach nicht leisten. Nur gut, dass es das Bildungspaket gibt.

Am 1. April ist das Prestigeprojekt von Ursula von der Leyen mit einem Paukenschlag gestartet. Es soll Kindern wirtschaftlich schwacher Familien einen leichteren Zugang zu Unterrichtsmaterial, Klassenfahrten, Vereinsmitgliedschaften und eben Nachhilfeunterricht ermöglichen.  Doch nun, acht Wochen nach Einführung des Projektes, ist die Euphorie gewichen. Deutschlandweit ist die Beteiligung niederschmetternd. Nach Schätzungen haben kaum fünf Prozent der 2,5 Millionen Antragsberechtigten die Förderung beantragt. Auch an der Friedrich Holbein Grundschule in Waltershausen sind laut Falk Herrmann gerade einmal zwei Anträge eingegangen.

Für Heike Taubert ist das kein Wunder: „Das Bildungspaket ist noch nicht so lange auf dem Markt. Und es braucht eben alles seine Zeit, bis der Letzte informiert ist.“ Die Sozialministerin des Freistaates Thüringen ist sich sicher: „Der Antrag selbst ist einfach.“ Das kann nicht der Grund dafür sein, weshalb das Bildungspaket bisher nur schleppend anläuft. Ebenso wisse sie, dass die Kommunen ihr Möglichstes tun.  Adrian Weber, der Pressesprecher des Landkreises Gotha, bestätigt das. „Sowohl die Mitarbeiter des Jobcenters wie auch die des Sozialamts haben ihre jeweiligen Klienten bereits frühzeitig auf das Bildungs- und Teilhabepaket hingewiesen und zur baldigen Antragstellung geraten, als in Berlin noch die Länderkammer und der Bundestag um Details gerungen haben.“

Im Landkreis Gotha können einkommensarme Familien im Jobcenter, im Sozialamt des Landkreises und bei der Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit Anträge zum Bildungs- und Teilhabepaket stellen. Doch auch hier fällt die Beteiligung eher mau aus.  Auch wenn sie über dem Bundesschnitt liegt. Laut Weber haben zum Stichtag 30. April gerade einmal 599 der 6440 Antragsberechtigten die Unterstützung beantragt. Neun Prozent – mehr nicht!

Diese Entwicklung sei auch in den benachbarten Landkreisen zu beobachten und war Thema der jüngsten Landräte-Runde auf dem Schneekopf im Ilm-Kreis. „Wir werden trotz der steigenden Rückläufe nochmals im Amtsblatt, das jeden Haushalt erreicht, auf die Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets hinweisen“, erzählt Weber. Bei den neuen Regelungen sei es allerdings nicht selten zu beobachten, dass es eine gewisse Anlaufzeit gibt, bis die Möglichkeiten von den Begünstigten auch genutzt werden, begründet auch der Pressesprecher.

Einige Pädagogen und Politiker haben dafür eine andere Erklärung: Das Paket sei deshalb ein Ladenhüter, weil das Geld nicht an die Eltern, sondern direkt an die entsprechenden Anbieter ausgezahlt werde.    Thüringens Sozialministerin Heike Taubert kritisiert am Bildungspaket der Bundesregierung, dass es keine pauschalierte Förderung an die Kommunen  gegeben hat. Deshalb könnten diese jetzt auch nicht in Aktion treten, sondern  müssten warten, bis Anträge gestellt werden.  Die laufen jedoch nur schleppend ein, „weil viele Familien den Fokus nicht unbedingt auf Kunst, Kultur und Sport gelegt haben“, weiß Taubert. „Deshalb wollten wir keine Komm-, sondern eine Holstruktur.“ Das heißt: Das Geld sollte direkt an die Kommunen und Vereine fliesen, damit diese die Kinder mit entsprechenden Programmen „zu Hause abholen können.“

Allerdings: Bei allen Schwierigkeiten gibt Adrian Weber zu bedenken, dass „das Ganze jetzt erst richtig in Fahrt kommt: Bis Mitte Mai sind allein im Jobcenter knapp 1000 Anträge eingegangen.“

Ob sich das Bildungs- und Teilhabepaket nun doch noch zum Verkaufsschlager entwickelt? Wir bleiben dran.

Pulbliziert am 29. Mai 2011, erschienen in der aktuellen Ausgabe im Oscar am Freitag