„Villa Malwina“ in Graz erinnert an eine Gothaerin

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Bei meinem letzten Besuch in Graz anlässlich der Benennung eines Platzes für den Retter von Gotha, besuchte ich nicht nur das Styria-Center am Josef-Ritter-von-Gadolla-Platz im Herzen der steierischen Hauptstadt, sondern stieg auch den Berg hinauf, hoch über der Stadt, um das Institut für Sprachwissenschaften der Universität Graz aufzusuchen. Dort hatte ich mich mit Dr. Luca Melchior und Dr. Silvio Moreira de Sousa vom Institut für Romanistik der Karl-Franzens-Universität Graz verabredet. Zwei Herren, die viel wussten über einen Thüringer, der am 4. Februar 1842 in Gotha geboren und der nach seiner dortigen Kindheit und Schulzeit am Gymnasium Ernestinum über Stationen in Jena, Bonn, Halle und Leipzig im Jahre 1876 eine Professur für Romanistik an der Universität Graz annahm – Hugo Schuchardt.

Als Schuchardt 1900 mit 58 Jahren seine Lehrtätigkeit beendete widmete er sich ausschließlich den Sprachwissenschaften und gilt noch heute als der Begründer der Kreolistik, einer Wissenschaft, die den Einfluss europäischer Sprachen auf die landestypischen Muttersprachen ehemaliger Kolonialgebiete untersucht. Weltweit ist Kreol für 14 Millionen Menschen Muttersprache, insgesamt sind etwa 130 Millionen Menschen mit Kreolsprachen in Afrika, Süd- und Lateinamerika sowie Asien vertraut.

Doch warum trägt ein Grazer Haus den Namen einer Gothaerin?

Dazu bedurfte es auch für mich einiger Forschungen und ich danke Veronika Biedermann und Matthias Wenzel für ihre Hilfe, dem Namen der „Villa Malvina“ auf die Spur zu kommen.

Hugo Schuchardt wird am 4. Februar 1842 in Gotha als Kind des Herzoglichen Amtsadvocaten und Notars Dr. jur. Ernst Eduard Julius Schuchardt (1809-1885) und seiner Ehefrau Malwine geborene von Bridel-Briderie (1815-1899) in der heutigen Lucas-Cranach-Str. 3 geboren.
Eine besondere Beziehung besaß der berühmte Sprachwissenschaftler zu seiner Mutter Malwina. Sie ist die Tochter des Gothaer Prinzenerziehers, Geheimen Legationsrates und Bryologen (Moosforschers) Samuel Elisee von Bridel-Brideri. Der am 28. November 1761 geborene Schweizer kam schon in jungen Jahren im Januar 1783 nach Gotha, heiratete in zweiter Ehe am 8. Juni 1812 Luitgard von Bärenstein, die Schwester seiner verstorbenen ersten Ehefrau. Dieser Ehe entsprangen fünf Kinder, die älteste Tochter ist Malwina. Am 14. Juni ihres Geburtsjahres wird in der Schlosskirche Malwina getauft, von ihren 24 Paten waren zehn erschienen, die vierzehn Auswärtigen fehlten. Zu ihren Paten zählten angesehene Hofbeamte, oder deren Ehefrauen u. a. unter Nr. 4 registriert – der Vater der modernen Geologie Ernst Adolf von Hoff.

Malwina von Bridel-Brideri erblickte vor 200 Jahren am 27. Mai 1815 in Gotha das Licht der Welt, wuchs wohlbehütet und gut erzogen im Elternhaus auf und besuchte mit allergrößter Wahrscheinlichkeit eines der berühmten Gothaer Mädcheninstitute. Sie soll Hofdame von Herzogin Marie (1799-1860), der zweiten Ehefrau von Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha (1784-1844) gewesen sein. Am 7. Mai 1840 heiratete Fräulein Malwine von Bridel-Briderie in ihrer Taufkirche den Notar Dr. Ernst Schuchardt, sie war hier das nachgelassene eheliche erste Kind und die Tochter zweiter Ehe ihres Vaters Samuel Elisee von Bridel-Briderie, der bereits am 7. Januar 1828 in Gotha verstorben war.

Es ist nichts bekannt, ob Hugo Schuchardt nach der Annahme seiner Professur in Graz noch einmal in Gotha war, anzunehmen ist, dass er in regem brieflichem Kontakt zu seiner Mutter bis zu deren Tod stand. Im Jahre 1906 erbaute sich Hugo Schuchardt sein Haus in der Johann-Fux-Gasse, dem er den Namen „Villa Malvina“ gab, eine Erinnerung an die am 15. Juni 1899 um mittags zwölf Uhr an Herzlähmung in Gotha verstorbene Mutter Malwina. Sie war die einzige Frau, der er sich Zeit seines Lebens innig verbunden fühlte.

Hugo Schuchardt nutzte das Haus als Forschungsinstitut, bewahrte darin seine umfangreiche Bibliothek und seinen Schriftverkehr mit Forschern in aller Welt auf, der heute in der Universitätsbibliothek von den zwei Herren erforscht wird, die ich kennenlernen durfte. Hugo Schuchardt stirbt am 21. April 1927 im Alter von 85 Jahren in seinem Haus, das durch ihn noch heute den Namen einer Gothaerin trägt. Nach seinem Tod ging die Villa in den Besitz der Karl-Franzens-Universität Graz über, der Schuchardt sein gesamtes Erbe vermachte. Der Frauenschwarm war selbst nie verheiratet und hatte auch keine Kinder.

Für mich ist es immer wieder eine spannende Entdeckungsreise, wo überall auf dieser Welt Spuren von Menschen aus Gotha zu finden sind. Schön, dass neben Gadolla noch eine weitere nachhaltige Spur nach Graz führt.

Bild:
Haus Malwina 2015