Der Wirtin vom Steigerhaus in Gräfenhain steckt ihr Beruf im Blut

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Ohne Zweifel gehört diese Frau zu den Thüringer Originalen – die Steigerwally, Wirtin des Steigerhauses in Gräfenhain. Warum diese Frau eine echte Marke ist, weiß Oscar-Redakteur Falk Böttger.

Steigerwally arbeitet im Wald. Ohne Wenn und Aber! Und zu ihr kommt man nur über die Steigerstraße in Gräfenhain, die Richtung Südwesten mitten in den Wald führt. Die Straße wird zunehmend schlechter, kein Haus weit und breit. Würden nicht immer wieder Schilder am Wegesrand darauf hinweisen, dass diese Straße zum Steigerhaus führt, würde so mancher Fahrer vermutlich schon wieder umkehren. Aber irgendwann lichtet sich der Wald – und das Steigerhaus kommt ins Bild.
Und da ist sie auch schon – eine blonde Frau mit Cowboy-Hut: „Hallo, ich bin die Steigerwally!“

Der Steigerwally sieht man sofort an, dass sie ein echtes Energiebündel ist. Das Lachen ist herzlich, der Händedruck fest. Kein Vorgeplänkel, das Gespräch kann sofort beginnen. Also gleich die erste Frage: Warum heißt die Steigerwally eigentlich Steigerwally?
„Ich wollte einfach einen besonderen Personenbezug zur Gaststätte schaffen. Steigerwally ist abgeleitet von Steigerhaus und Geierwally. Die Gäste fanden das so toll, als ich mich zum ersten Mal derart vorgestellt habe, dass ich den Namen beibehalten habe“, erklärt die 45-Jährige.

Beibehalten – mit allem Drum und Dran. Denn den Namen Steigerwally hat sich die Wirtin, die mit bürgerlichem Namen Andrea Fischer heißt, beim Patentamt in München schützen lassen.
Doch klar ist auch: Nur mit Patent wird niemand zur Marke, zum Original. Was steckt also dahinter? Bei Steigerwally ist das ein klarer Fall: Wesen und Auftritt sind hier eine Einheit. So arbeitet sie stets im besonderen Outfit, bestehend aus Tracht und Hut. „Für den Wiedererkennungswert!“, lacht sie auf Nachfrage. Und erzählt weiter: „Ohne das geht es einfach nicht. Insgesamt 27 Hüte in verschiedensten Farben hängen in meinem Schrank.“
Natürlich weiß die gebürtige Bad Liebensteinerin, dass dies nicht reicht, um eine Gaststätte mit Erfolg zu betreiben. Letztendlich entscheidet stets die Qualität. „Für mich ist das kein Problem, ich bin Gastwirtin mit Leib und Seele. Ein anderer Beruf kam nie für mich in Frage. In einem Büro wäre ich vermutlich schon nach drei Stunden krank“, erklärt die 45-Jährige, die ihren Beruf von der Pike auf gelernt hat. Sie ist Restaurantfachfrau und ausgebildete Barkeeperin.
Dennoch: Nur mit dem Zapfen von Bier und Bringen von Speisen ist der Job nun auch nicht getan. Das Wichtigste: die Unterhaltung der Gäste. Wahrlich kein Job für jedermann, wie auch die Steigerwally weiß: „Der Beruf muss einem schon im Blut stecken, man muss das Herz dafür haben!“

Dass sie nicht nur das Herz, sondern auch ein Händchen für Gastronomie hat, beweist die Erfolgsgeschichte des Steigerhauses. „Als ich das Gasthaus vor vier Jahren übernommen habe, war es eigentlich am Ende. Es kamen kaum noch Gäste. Ursprünglich wollte ich es auch gar nicht, weil ich überhaupt nicht auf Felle und Geweihe an der Wand stehe. Aber als ich es mir dann doch mal angeschaut habe, dachte ich: ‘Mensch, hieraus kannst du etwas machen’“, erinnert sich Andrea Fischer.
Und heute? Sie lacht. Denn „der Laden brummt“. Die unterschiedlichsten Gäste machen Rast im Steigerhaus: Busreisegruppen, Wanderer, Motorradfahrer, Familien, aber auch viele junge Leute. „Und einen ganzen Haufen Stammgäste haben wir auch“, sagt die Steigerwally stolz. Die Folge: An Feiertagen gehe ohne Vorbestellung überhaupt nichts mehr.
Bei soviel Arbeit bleibt kaum Freizeit. Schlimm? „Ganz sicher nicht. Denn die Arbeit macht mir riesigen Spaß.  Kein Wunder also, dass die Vollblut-Wirtin keinerlei Gedanken an die Rente hegt. Im Gegenteil: „Diesen Job mache ich bis zum bitteren Ende. Bestimmt werde ich eine der ältesten Wirtinnen Europas“, sagt sie lachend.
Auch Originale haben noch Ziele …


Publiziert in der aktuellen Ausgabe von Oscar am Freitag

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