Holzkunst der anderen Art

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Rüdiger Noldin schnitzt – nicht mit Messerchen und Schleifpapier. Noldin schnitzt mit seiner Husquarna, dem Mercedes unter den Motorsägen. Er ist Motorsägenkünstler und empfängt am 7. Mai 2011 25 Schnitzer aus ganz Europa zum 5. European Chainsaw Carvin auf seinem Bauhof in der Gleichenstraße 18 in Gotha. Dann werden wieder riesige Stämme in Adler, Krokodile und Jagdgöttinen verwandelt. Einige solcher Kunstwerke können heute schon bewundert werden. 5und50plus-Redakteur David Ortmann hat den 55-Jährigen mit dem seltenen Hobby besucht. Die Gothaer Internetzeitung dokumentiert seinen Bericht aus dem aktuellen Seniorenmagazin „5und50plus“.

Der Eingang zu Rüdiger Noldins Bauhof – ein Marterpfahl, überall lebensgroße Tiere aus Holz, eine hölzerne Jagdgöttin – erinnert an das Eingangsportal eines Freizeitparks. Und in gewisser Weise ist er das ja auch. Der Eingang zu einem Spielplatz. Einem Spielplatz für Erwachsene. Wie es dazu kam? Noldin beginnt seine Geschichte so: „Zu fällen einen großen Baum, brauchts eine halbe Stunde kaum, zu wachsen bis man ihn bewundert, braucht er – bedenk es, ein Jahrhundert.” Er kennt Eugen Roths Vierzeiler nur zu gut. Denn: Er liebt Bäume. Der 55-Jährige führt den Betrieb für kompetente Baumpflege in Gotha und konnte es sich einfach nicht mehr mit ansehen, wie Bäume, die 60 Jahre und länger gewachsen sind, einmal gefällt, einfach zu Brennholz verarbeitet werden. Also setzte der Forstwirt seine Kettensäge noch einmal an – und entstanden ist ein Krokodil. Diese ersten Versuche als Motorsägenkünstler liegen beinahe ein Vierteljahrhundert zurück. Unzählige Krokodile, Igel, Adler und Eulen sind in dieser Zeit entstanden. Dennoch: Jede Figur sei eine neue Herausforderung, gibt der Fachmann zu bedenken. Allein die Auswahl des Materials muss genau eprüft werden. Pappeln und Linden eignen sich am besten zum Schnitzen.

Vor allem Pappeln: „Frisch geschlagen wiegt der Festmeter eine Tonne, wenn das Holz trocken ist, kann ich es mit der Hand hochheben. Außerdem reißt das Pappelholz durch seine Struktur nicht so schnell auf!” Noldin weiß, wovon er spricht. Der 55-Jährige ist Ausbilder im Europäischen Trainingscenter für Aboristik und Climbingtechnik. Er unterrichtet den Motorsägenkurs in der Ausbildung zum zertifizierten Baumkontrolleur und Baumingenieur. Trotzdem müssen eventuelle Rissstellen beim Schnitzen beachtet werden. „Nicht dass der Riss das Kunstwerk zerstört. Schließlich muss das Bild erhalten bleiben!” Nach der Wahl des richtigen Holzes wirft Noldin seine Husquarna an. Jetzt sind vor allem handwerkliche Fähigkeiten gefragt. „Dem einen Künstler fällt die Arbeit mit der Kettensäge schwer, dem anderen die so genannte Raumlehre. Die ist bei Menschen anders  als bei Tieren.” Noldin schnitzt am liebsten Adler. Die Vögel begeistern ihn. „Sie sind so könglich!” Neben der Proportion und dem Gefieder, verlangt der Kopf mit offenem Schnabel höchste Konzentration. „Ein kleiner Schnitzer zu viel, dann könnte das Holz wegfliegen”, erklärt Noldin mit zusammengekniffenen Augen. „Beim Schnitzen bin ich wie im Rausch. Da vergesse ich alles um mich herum.”

Seine Spezialität: Speed Carving. Rüdiger Noldin ist in der Lage, innerhalb von 30 Minuten ein Krokodil zu schnitzen, das aus einem Ei schlüpft. Er ist ein Meister dieser besonderen Form der Kettensägenkunst. Aber: „Bei jeder Veranstaltung sehe ich mir trotz der vielen Jahre, in denen ich schon schnitze,  Kniffe und Tricks von anderen ab.” Die nächste Gelegenheit hat er am 7. und 8. Mai 2011. An diesem Wochenende veranstaltet der 2010 gegründete Motorsägenkunst Gotha e. V. das  5. European Chainsaw Carvin.  
Dann sind 25 Schnitzer aus ganz Europa auf Noldins Bauhof in der Gleichenstraße zu Gast. Ein Hingucker – nicht nur für Noldin.

Publiziert: 15. April 2011, 7.50 Uhr; erschienen im Gothaer Seniorenmagazin „5und50plus“, welches an vielen öffentlichen Stellen ausliegt

Fliesenstudio Arnold